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Gebäudehülle dämmen: „Anpacken und machen!“

Die Modernisierungsoffensive setzt auf hunderte regionale Netzwerke und auf gut gedämmte Gebäudehüllen. Damit, so verspricht der Vorsitzende des Bundesverbandes Gebäudemodernisierung Dipl.-Ing. Ronald Meyer, lassen sich die Klimaziele schneller erreichen, Energiekosten dauerhaft senken und fossile Energien endlich überwinden. In unserem Interview verrät er, wie das geht.


Herr Meyer, Energiesparen ist zurzeit wichtiger als je zuvor. Ist jetzt nicht der perfekte Zeitpunkt für eine schnelle Energiewende?

Meyer: Den perfekten Zeitpunkt hatten wir schon vor 50 Jahren, während der ersten Ölkrise 1973 und den ersten Mahnungen des Club of Rome. Wärmedämmung und Klimaschutz sind sehr einfach und kosten real nichts, weil wir die Investitionskosten über die eingesparten Energiekosten mehrfach zurückholen. Wärmedämmung war und ist immer eine 100 Prozent wirtschaftlich lohnende Investition. Und das Beste: Den Klimaschutz sowie die Wertsteigerung des Gebäudes gibt es gratis dazu.

Der größte Teil der Wohngebäude in Deutschland stammt aus der Nachkriegszeit, dem Wiederaufbau und dem Bauboom bis in die späten 1970er Jahre. Davon haben etwa 70 Prozent nicht einmal eine gedämmte Hülle. Muss man über die Sanierung im Gesamten reden oder reicht es zu dämmen?

Meyer: Wenn wir die Gesamtaufgabe der kommenden 20 Jahre betrachten, dann müssen wir mindestens 10 Millionen Wohngebäude in Deutschland plus Gewerbe- und andere Bauten energetisch ertüchtigen. Wir brauchen beim Bauen als ersten Schritt eine durchdachte Organisation, die einen gezielten Sanierungsfahrplan für den gesamten Gebäudebestand aufstellt. Wir haben zu wenig Handwerker bei zu vielen Gebäuden und nur zwanzig Jahre Zeit, diese zu sanieren. Es ist deshalb meines Erachtens sinnvoll, die Handwerker vor Ort jeweils zu festen Teams zusammenzustellen, die sich dann entsprechend der Gebäudetypologie bei der Sanierung auf einen bestimmten Gebäudetyp konzentrieren. So entsteht auch eine gewisse Routine. Damit kann man die Produktivität um bis zu 50 Prozent erhöhen, zugleich den Vorbereitungsprozess einer Baustelle auf fast null herunterfahren.

Im Februar 2022 startete die BEG mit neuem Budget, nachdem sie im Januar unerwartet und vorzeitig gestoppt wurde. Wie können Eigentümerinnen und Eigentümer nach diesem Hin und Her sicher sein, dass sie bei einer Sanierung nicht mit den Kosten alleine bleiben?

Meyer: Im ersten Schritt sollten wir die Planungs- und Bauprozesse optimieren. So lassen sich etwa die Hälfte der Baukosten einsparen. In Zukunft wird man eine Baustelle digital vermessen und einem digitalen Zwilling, einem Modellprojekt, zuordnen. Wir entwickeln hier mit dem Softwarehaus „Allplan“ eine „digitale Basis-Gebäudeakte“ als Blaupause, in die jeder Handwerker sein Projekt hineinkopieren kann. So ist es möglich, die Bauprozesse zu optimieren und hohe Kosten zu sparen.

Nicht für jedes Gebäude lohnt sich eine Komplettsanierung, weil zum Beispiel die Bausubstanz marode ist. Bedeutet das, anstatt hier noch etwas auszubessern, lieber gleich den maroden Bestand abzureißen?

Meyer: Auch diese sehr schlechten und schwierigen Gebäude gibt es, aber das sind eher die Ausnahmen. Lassen Sie uns zunächst die 80 Prozent der einfachen Gebäude anvisieren, für die wir jetzt Sofortmaßnahmen brauchen: Wir haben innerhalb der Modernisierungsoffensive schon vor 20 Jahren einen sogenannten Gebäudeschnellcheck entwickelt, mit dem man in fünf Minuten eine Gebäudebeschreibung auch in puncto Energieverbrauch und möglicher Energieeinsparungen bekommt, anders als mit dem Energieausweis. Wir wollen letztlich die vielen Milliarden Euro, die heute noch in die fossile Energiewirtschaft fließen, umlenken und in unsere Häuser investieren. Das ist der Plan. Die Bürger, die Umwelt, die Städte und Kommunen würden davon profitieren.

In fünf Minuten den Sanierungsbedarf mit Ihrem Gebäudeschnellcheck kennen –  wie funktioniert das?

Meyer: Man gibt fünf bis zehn Eckdaten zum Gebäude ein, also das Baujahr, den Gebäudetyp, den Hauptenergieträger, die Größe der Wohnfläche und bereits getätigte Sanierungsmaßnahmen. Anschließend sucht das Programm ein passendes Vergleichsgebäude aus vielen tausenden, nach Typologie gespeicherten Gebäuden. Hier muss man das Programm selbstlernend programmieren, damit es mit jedem neu eingegebenen Haus immer genauer wird. Dann erhält man ein relativ exaktes Bild von der sanierungsbedürftigen Immobilie. Ich denke, man könnte damit innerhalb von einer Woche 80 Prozent des Gebäudebestandes in Deutschland erfassen und über das Thema Gebäudetypologie eine Art Baukasten für gleiche Haustypen entwerfen. Wenn wir zum Beispiel heute beschließen würden, dass die gesamte Baubranche dieses Jahr nur noch Reihenhäuser aus den 1960er Jahren saniert, dann könnten wir bis Ende 2023 einen signifikanten Teil des Energieverbrauches dieser Häuser in Deutschland reduzieren.

Nehmen wir dieses Reihenhaus aus den 1960er Jahren. Was sind hier die konstruktiven und energetischen Schwachpunkte?

Meyer: Der Schwachpunkt ist in erster Linie die gesamte ungedämmte Gebäudehülle. Es geht um Dach, Fenster und Fassade. Im Grunde gilt, im ersten Schritt eine energieeffiziente Gebäudehülle herzustellen, die bei einem Reihenhaus zu 60 bis 70 Prozent Energieeinsparung führen kann.

Also ist die energetische Sanierung weniger eine Frage der Heiz- und Gebäudetechnik als der guten Wärmedämmung? 

Meyer: Das war ja schon die Idee des ersten Passivhauses 1991: eine perfekte Dämmung. Dann reicht die Wärme der Sonne, die Abwärme in den Gebäuden, die Wärmeabstrahlung der Bewohnerinnen und Bewohner, der Beleuchtung und der Geräte aus, um ein Haus zu beheizen. Wir wissen seit über 30 Jahren, dass es im Kern zunächst um die Dämmung geht. Inzwischen hat sich aber die Haustechnik so weit entwickelt, dass erneuerbare Energien in Kombination mit moderateren Dämmstoffstärken sinnvoll sind. Da reicht meist ein Standard eines Effizienzhauses 70 „EE“, den man kurz mit 24/16/10 beschreiben kann, also 24 cm Dachdämmung, 16 cm Fassadendämmung und 10 cm Kellerdämmung, um das Gebäude klimaneutral zu beheizen. Das passt recht gut für Gebäude, die vor 1984, vor dem Inkraftteten der zweiten Wärmeschutzverordnung, gebaut wurden.

Bei der Hülle geht es auch um die Kubatur – ein typisches Merkmal einer Bauzeit, wie etwa auskragende Betonvordächer und -balkone in den 1950er Jahren, verwinkelte Kubaturen in den 1980er Jahren. Wenn wir die Hülle optimieren, verschwindet dann nicht die Identifikation des Gebäudes mit seiner Zeit?

Meyer: Das muss nicht sein. Man kann durch Farbgebung, durch Strukturierung der Oberflächen, durch Auswahl von Details ein Gebäude architektonisch schön gestalten und städtebaulich Akzente setzen. Man kann so alte Bauformen behutsam in die Neuzeit transportieren und mit guter Architektur sogar einen ästhetischen Stilbruch herstellen. Diese kreativen und kulturellen Möglichkeiten, was die Bausubstanz betrifft, sind auch bei einer Wärmedämmung umsetzbar.

Einblasdämmstoffe aus Mineralwolle als niedriginvestive Maßnahme sind noch immer gering verbreitet, dabei sind sie gerade für den Bestand interessant. Welche Einsatzmöglichkeiten gibt es hier?

Meyer: Jedes Dämmverfahren, das wir neu oder zusätzlich haben, hilft bei der Umsetzung. Wir haben heute eine ganze Palette an Werkzeugen bzw. viele, gute Dämmlösungen für unterschiedliche Gebäudetypen. Die Einblasdämmung ist eine davon. Fachleute können das für das Haus geeignete Dämmverfahren am besten vor Ort bestimmen.

Sollten wir, wenn wir über die Einsparung von Energie reden, auch über die Ökobilanz, den Lebenszyklus und die Recyclingfähigkeit von Dämmstoffen reden?
Meyer: Die Diskussion über die Ökobilanz von Dämmstoffen ist wichtig und richtig, aber sie sollte in den richtigen Kontext gebracht werden. Selbst ein Laie erkennt, dass die Umweltbelastung durch Wärmedämmung einen Bruchteil der Umweltbelastung darstellt, die von Kernenergie, Gas, Öl und Kohle verursacht wird.

Wenn wir durch Dämmen unseren Verbrauch herunterfahren, müssen wir dann überhaupt über die Energiequelle nachdenken?

Meyer: Effizienz heißt, möglichst wenig zu investieren, um am Ende viel herauszubekommen. Wir sind seit Jahren technisch in der Lage, mit 25 Prozent der eingesetzten Energie all unsere Prozesse laufen zu lassen. Dazu hat Ernst Ulrich von Weizsäcker vor fast dreißig Jahren das Buch „Faktor Vier“ [Anm. d. R.  siehe Verweis unten] geschrieben. Wir müssen es einfach nur umsetzen. Anpacken und machen!

Mit realistischem Blick auf die Millionen sanierungsbedürftigen Wohnungen in Deutschland: Versprechen auch serielle Sanierungsverfahren wie Energiesprong eine schnelle, massenkompatible Lösung?

Meyer: Ich war Bauleiter der ersten seriellen Energiesprong-Sanierung in Deutschland. Eine tolle Idee. Aber es gibt drei Knackpunkte: Wir brauchen eine Fassadentypologie, auf die man seriell aufbauen kann, sowie eine Befestigungstypologie, also eine Art Baukastenlösung zur sicheren Verbindung der neuen Bauteile an den Bestand. Der größte Knackpunkt ist, dass die neuen Bauteile variabel genug sein müssen, um Ungenauigkeiten und Toleranzen im Altbau auszugleichen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass wir eine lückenlose, luftdichte Gebäudehülle brauchen. Im Gespräch sagte mir kürzlich Emanuel Heisenberg, der Gründer von „ecoworks“ in Berlin, dass diese Anforderungen nun gelöst seien. Da kann man nur gratulieren, denn die serielle Sanierung ist ein wichtiger Beitrag für den Klimaschutz.

Sie versprechen, dass die Energiewende bei Gebäuden mit Ihrer Modernisierungsoffensive schon dieses Jahr starten kann. Wann wäre diese geschafft?

Meyer: Mit der Energiewende können wir sofort beginnen, denn wir bereiten sie seit vielen Jahren vor. Bis wir mit der Energiewende im Gebäudebestand aber fertig sind, werden mindestens noch zwanzig Jahre vergehen, wenn wir die heutigen Möglichkeiten betrachten.

Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Meyer.

Das Gespräch führte Rosa Grewe.

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Mehr Informationen:

www.modernisierungsoffensive.com

In 77 Tagen zum klimaneutralen Zuhause: Ratgeber für die ganzheitliche Modernisierung von massiv gebauten Ein- und Zweifamilienhäusern der Baujahre 1919 bis 1994, von Ronald Meyer, 2022, ‎Blottner Verlag e.K.

Faktor Vier. Doppelter Wohlstand – halbierter Naturverbrauch, von Ernst Ulrich von Weizsäcker zusammen mit Amory Lovins und Hunter Lovins, 1995, als Buch von Droemer Knaur, 1997

 

 

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Im Video-Gespräch: Der Bauingenieur und Modernisierungsexperte Dipl.-Ing. Ronald Meyer mit der Fachjournalistein Dipl.-Ing. Rosa Grewe.


Zur Person
Dipl-Ing. Ronald Meyer gründete 1992 sein Bauingenieurbüro. Er legte von Anfang an den Schwerpunkt auf hochwertiges energieeffizientes Bauen und Modernisieren. 2000 baute er Deutschlands erstes Passivhaus ohne Mehrkosten. Seither engagiert er sich in der Baupraxis mit eigenen Projekten, aber auch auf politischer Ebene und in den Medien für energiesparendes und klimaneutrales Bauen und Sanieren. 2012 gründete er die Modernisierungsoffensive, die seit 2018 vom Bundesverband Gebäudemodernisierung BVGeM e.V. durchgeführt wird.

 

Welche und wieviel Energie verbrauchen deutsche Privathaushalte nur fürs Wohnen?
Der größte Teil der Energie kommt aus fossilen Energiequellen (Bezugsjahr 2018, Angaben in Prozent):

Quelle: destatis, Datenreport 2021, Kap. 13/ Umwelt, Energie und Mobilität, 13.1 / Energie: Aufkommen, Verbrauch, Auswirkungen

 

Wieviel Energie lässt sich durch eine Wohnhaussanierung durchschnittlich sparen?
Etwa 70 % lässt sich durchschnittlich über eine verbesserte Gebäudehülle sparen. Bis zu 80 % Einsparung nur über die Hülle sei realistisch möglich, sagt Ronald Meyer im Interview. Durch eine energieeffiziente Gebäudehülle lässt sich also so viel Energie sparen, wie überlicherweise für die Raumwärme benötigt wird. Das ist die Grundlage für die Berechnung der 100%- Finanzierung: Heizkosten um 80% reduzieren und für die nötige Sanierung reinvestieren.

BuVEG I Imagefolder I Gebäudebestand

Von ca. 19 Mio. Wohngebäuden in Deutschland sind 83 % Ein- und Zweifamilienhäuser (Quelle: dena Gebäudereport 2022). Abbildung: Bundesverband energieeffiziente Gebäudehülle e.V. (BuVEG) – www.buveg.de

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