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Der Wasserturm von Potsdam

Nur dreißig Bahnminuten von Berlins Zentrum entfernt bietet ein historischer Wasserturm einen weltentrückenden Ort wenige Meter über den Baumspitzen. Der perfekte Ort für entspannte Ferien. In Brandenburg.

In der Höhe stellt sich schnell eine Übersicht über die Dinge ein, eine einsame Ruhe vom Alltag. Das geht einem im Flugzeug über den Wolken so, auf einsamen Bergpfaden mit Blick über die Gipfel und in Hochhäusern, die über weite Städte und Landschaften ragen. Manchmal reicht es aber, nur ein Zipfel über den Baumspitzen zu sein, wie beim Wasserturm von Potsdam. Der Turm diente seit 1910 zur Bevorratung von Wasser für Dampfloks. Die Elektrifizierung der Eisenbahn machte ihn Mitte des letzten Jahrhunderts überflüssig. Wie ein verwunschenes Bauwerk verfiel der Turm in Brandenburg über Jahrzehnte in wildem Dickicht zur Ruine.

Der Zustand des Turms

2014 entdeckte und kaufte das junge Architektenpaar Katrin Wirth und Daniel Alonso González den Turm. Katrin Wirth erinnert sich: „Wir waren auf der Suche nach unserem ersten eigenen Architekturprojekt. Es sollte unbedingt eine Sanierung sein. Da sind wir durch Zufall auf den Turm gestoßen.“ Sie mussten sich schnell entscheiden, ohne zeitaufwendige Baugutachten oder Risikobewertungen.

Es brauchte schon viel Fantasie und Mut, den Wiederaufbau des Turms nur zu erwägen: Die dicken Mauerwerkswände standen zwar noch, ebenso das stählerne Skelett der Turmspitze und die Stahltreppen. Die Geschossdecken aber waren marode und das Dach eingefallen. Die Eisenteile waren stark verrostet, die Backsteinwände weiß übertüncht und die Fenster verbrettert oder zugemauert. Zu seinen Füßen steht das Häuschen des Turmwärters, ebenfalls damals in sehr marodem Zustand.

Großes Aufräumen

2016, nach eineinhalb Jahren Planung, begann zunächst das große Aufräumen: Die Architekten ließen den Wasserturm auf seine erhaltbaren Bauteile zurückbauen. So entfernten sie die erodierten Betonfassadenteile am Turmkopf und mit einem Sandstrahler Rost und Farbe von allen Oberflächen, und entdeckten dabei die Schönheit des Backsteinmauerwerks im Innern. Sie ließen alle Eisenteile und die genieteten Stahlwände des Wassertankes mit Korrosionsschutz und schwarzem oder weißem Lack aufarbeiten.

Der Ausbau der Geschosse

Dann folgte der Ausbau jedes Geschosses. Wirth sagt: „Das Schwierige war der ungewöhnliche Raumzuschnitt. Die Wände sind rund und laufen nach oben schräg zu. Jedes Detail musste daher individuell und dreidimensional geplant werden.“ Das Erdgeschoss ist von einer historischen Kuppeldecke überdacht. In den acht Meter hohen Innenraum darüber zogen die Architekten zwei neue Holzbalkendecken und Trockenbauwände ein. So erhielten sie über der erdgeschossigen Küche drei Schlafebenen und drei kleine Bäder. Das Wohnzimmer liegt im Wassertank, die Dachterrasse darüber – beides mit fantastischer Aussicht.

Die Statik des Tanks

Der Umbau des 100 m³ großen Wassertanks war eine besondere Herausforderung. Der Tank brauchte eine Geschossebene, ein Dach und eine dämmende Fassade samt Fensteröffnung. Das alles, ohne die 6 mm starken Stahlwände des Tanks zu überlasten. Stahlstützen tragen nun sowohl die oberste Geschossdecke aus Stahl und Holz als auch das Betondach des Tanks.

„Wir haben die Stützen direkt auf den oberen Abschluss der Mauerwerkswände gelagert“, erklärt Wirth. Auf der Südseite des Tanks ließen die Architekten ein Panoramafenster ausschneiden und ermöglichten so eine helle Wohnebene mit weitem Blick über den Wildpark und den Wald.

Mit Mineralwolle gedämmt: Die Fassade des Tanks

Auf die Außenseite des Tanks ließen die Architekten eine Holzlattung samt 16 cm Mineralwolle montieren. Diese bietet nicht nur den notwendigen Wärme- und Brandschutz, sondern passt sich auch flexibel der Krümmung des Tanks an. Den gedämmten Tank schützt außen eine Folienmembran vor Wasser und Wind.

Um aber die eigentliche Form des Turmkopfes wiederherzustellen, die durch den Rückbau der Betonplatten zunächst verlorenging, ließen die Architekten ein Stahltrapezlochblech auf der bestehenden Unterkonstruktion der äußeren Fassade montieren. So entstehen eine weitere, wetterschützende Ebene und eine Transparenz, durch die die innere Hülle, der Tank und gleichzeitig die alte Proportion des Turms ablesbar sind.

Das Bauwerk strahlt heute, anders als früher, abends und bei erhellter Wohnebene wie ein Leuchtturm über den Wald. Und genauso ermöglicht es das Gefühl von einsamer Weltentrückung, nur wenige Meter über dem suburbanen Wald, im Zwischenland von Metropole und Land.

Baudaten

Architekten: Katrin Wirth und Daniel Alonso González, www.wirth-alonso.de

Projekt: Sanierung und Umnutzung eines Wasserturms zum Wohnen, https://wasserturm.holiday

Ort: Potsdam, Werderscher Damm 5

Baujahr: ca. 1910

Fertigstellung Umbau: 05/2017

Nutzfläche: 130 m²

BRI: 470 m³

ursprüngliche Nutzung: Wasserzufuhr für Dampfloks der Bahn

heutige Nutzung: Ferienwohnung auf 6 Ebenen + Dachterrasse

Fotografie: Wirth Alonso Architekten

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Der Turm von Süden: Neue Nutzung im Innern, alte Proportionen von außen.

Die Stahltreppen wurden sandgestrahlt, neu lackiert und schließen jetzt an neue Geschossebenen an.

Vorhänge sorgen für etwas Privatsphäre.

links: Neue Einbauten kontrastieren in Weiß zu den alten Backsteinwänden. rechts: Die Schlafebenen sind offen miteinander verbunden, nur die Bäder wurden mit Trockenbauwänden abgeteilt.

Der Boden des Wassertanks bildet im Raum darunter eine Stahlkuppel aus, die jetzt atmosphärisch beleuchtet wird.

links: Rundumblick auf dem Dach. rechts: Alle Einbauten, wie zum Beispiel die Küche im Erdgeschoss, wurden individuell in den runden Raum eingepasst. Die Wandicke beträgt hier übrigens bis zu einen Meter.

links: Detailschnitt durch den Wassertank. rechts: Der Turm im Schnitt.

 

 

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