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Eine wiesen Idee

Es ist schwierig, Natur in Architektur zu bannen: Bewegung und Lebendigkeit des Natürlichen verlieren sich oft bei dem Versuch, sie statisch festzuhalten. Aber beim Studierquartier Osnabrück entwickelten die Architektinnen und Architekten von Plan.Concept eine Fassade, die mit der Bewegung des Betrachters und des Bauteils selbst eine natürlich erscheinende Dynamik erhält.

Im Herbst schaukeln die Blätter und Gräser bunt im Wind, die tiefstehende Sonne glitzert hinter den Baumkronen und wirft lange Schatten. In diesen Monaten bemerken wir die Bedeutung von Licht und Farbe und deren Wirkung auf unser Gemüt mehr als in anderen Jahreszeiten. Perfekt also, um einmal einen Blick auf Licht und Farbe in der Architektur und auf ein diesbezüglich sehr besonderes Projekt zu werfen: das Studierquartier in Osnabrück von den Plan.Concept Architekten.

Wiesenbunt

Deren Idee zu einer außergewöhnlichen Fassade begann mit einem Wettbewerb für ein Studentenwohnheim am Rande Osnabrücks, genauer gesagt mit der Lage des Grundstücks am Wiesenufer eines kleinen Regenrückhaltebeckens. Die Projektarchitektin Elisa Kurth sagt: „Unser gestalterisches Leitbild für die Fassade war daher ein Wiesenmeer, das sich im Wind wiegt.“ Für die Fassade entwickelten sie vier gestalterische Analogien zur Grasstruktur und Farbigkeit einer Wiese: die vertikale, feingliedrige Strukturierung der Fassade, eine natürliche, bunte und warme Farbigkeit, eine zufällig erscheinende Wiederholung der Einzelelemente innerhalb der Fassade und eine scheinbare Bewegung der Elemente durch unterschiedliche Neigungswinkel. Die Architekten bleiben aber bei einer abstrakten, strukturellen und architektonischen Gestaltung, die die natürliche Lebendigkeit einer Wiese assoziiert, ohne plakativ zu werden.

Material macht Farbe

Der Stahlbetonbau trägt nun einen Mantel aus Mineralwolle mit einer Abdeckung aus schwarzem Trapezblech und davor mit einem Vorhang aus 9.547 keramischen, glasierten Vierkantstäben. Diese wirken mit nur fünf Zentimetern Breite und 1,45 Metern Länge, also mit etwa einer halbe Geschosshöhe, sehr schmal und lang. Die Stäbe sind mit kaum sichtbaren Stößen ineinandergesteckt, so dass sich die vertikale Struktur über die volle Gebäudehöhe erstreckt, ohne störende Profile oder Fugen ‒ nur filigrane, vertikal gereihte Linien, dicht an dicht.

Die richtige, natürlich wirkende Farbigkeit ist dabei maßgeblich, wie Elisa Kurth berichtet: „Wir haben unglaublich viele Farben und Muster ausprobiert, bis es perfekt passte.“ Letztlich ließen sie die Keramik in sechs verschiedene Grün- und Rottöne färben und glasieren. Ein Vorteil der Keramik ist nicht nur die Farbvielfalt, sondern auch ihre typische, erdig wirkende Struktur. Denn die keramischen Oberflächen sind nie ganz eben, so dass sie das Licht in unterschiedlichen Richtungen brechen. Auf ebener Fläche entsteht eine Farbigkeit, die sich mit der Betrachterperspektive und dem Lichteinfall stark verändert.

Zur Welle neigen

Für mehr Lebendigkeit verformten die Architekten die Fassadenoberfläche zu Wellen, indem sie die Abstände der Stäbe vor der Außenwand sowohl in horizontaler als auch in vertikaler Richtung veränderten. Die Stäbe springen also im horizontalen Verlauf vor und zurück und neigen sich zugleich entlang der vertikalen Achse. Dafür befestigten die Architekten entsprechend der jeweils notwendigen Abstände unterschiedlich lange Stahlschwerter an die Betonaußenwände und dämmten die Wände mit Mineralwolle-Matten.

Mineralwolle ist nichtbrennbar und ermöglichte durch ihre flexible Beschaffenheit die einfache, passgenaue Umdämmung der Stahlschwerter. An die Enden der Schwerter montierten sie dann zunächst ein dunkel lackiertes Trapezblech zum Wetterschutz, aber auch gegen unerwünschte Farbreflexionen auf der Unterkonstruktion. Diese hintere Fassadenebene aus Metall läuft also bereits entlang der gewünschten Welle. Darauf sind mit Winkeln und Klammern die Keramikstäbe so montiert, dass sie sich präzise auf die Neigung justieren ließen, aber die Halterung selbst von außen unsichtbar bleibt.

Anspruchsvolle Fassadenanschlüsse

Die Außenwand bekommt insgesamt mit 20 cm Beton, einer 26 cm starken Mineralwolldämmung sowie der Hinterlüftung und der entsprechenden Stärke und Neigung von Trapezblech und Stäben einen teils sehr tiefen Fassadenaufbau. Das hat Folgen: So liegt zum Beispiel die Dachkante teilweise bis zu 82 cm vor der tragenden Betonwand.

Die Wellenform und deren Auswirkungen waren planerisch eine Herausforderung, wie Elisa Kurth sagt: „Die Fassade ist an jeder Stelle anders.“ Und sie beeinflusste unter anderem die Ausgestaltung der Dachanschlüsse: Für einen möglichst niedrigen, aber statisch und thermisch optimalen Dachaufbau konstruierten die Architekten den Dachabschluss mit einem Unterbau aus OSB, gedämmt mit Mineralwolle. Diese OSB-Konstruktion liegt in Wellenform zugeschnitten auf dem Dach auf und kann so die sich verändernde Auskragung der Fassade nach oben abschließen.

Das Innere ausweiten

Das Studierquartier hat als Studentenwohnheim eher kleine und ökonomische Raumzuschnitte. Auch hier spielen Licht und Farbe eine große Rolle für das Wohlbefinden in der Enge. Damit die Weite der Wiese und viel Helligkeit in die Zimmer dringt, müssen sich die Räume optisch von innen nach außen ins Grüne erweitern. Deshalb planten die Architekten bodentiefe Fenster, mit verglasten Brüstungen und schmalen Rahmenprofilen. Sie sind in dunklen Aluminiumlaibungen gefasst, die die jeweils unterschiedlich dicken Fassadenkonstruktionen abschließen. Einzelne bunte Farbakzente im Innern, im Fliesenspiegel des Bades und in der Küchenrückwand und den Flurwänden tragen die gestalterische Idee der Fassade auch nach innen.

Ökologische und soziale Vielfalt

Die Qualitäten des Projektes liegen nicht nur in der Gestaltung, sondern in seiner gesamten Nachhaltigkeit: in der hochdämmenden Gebäudehülle mit langlebiger und recycelbarer Mineralwolle, der Wahl eines ökologischen und energiesparenden Bekleidungsmaterials, in den gebäudetechnischen Ausstattungen wie Wärmepumpe, Solarthermie- und Fotovoltaikanlage sowie in dem Angebot von Carsharing und Fahrradverleih.

Insgesamt produziert das Gebäude nicht nur mehr Energie als seine Bewohnenden verbrauchen, sondern setzt auch innerhalb der Zielgruppe der Studenten auf soziale Vielfalt. Die 124 barrierefreien Wohnungen bieten unterschiedliche Wohnformen für Singles, Wohngemeinschaften und Familien. Dass das Projekt finanzierbar war, lag auch an einer am Gemeinwohl orientierten Finanzierung und an einer Landesförderung. Die Wiese bleibt also nicht nur Fassade. Sie macht das soziale, bunte und nachhaltige Miteinander der jungen Bewohnerschaft architektonisch ablesbar und bringt Farbe ins Gemüt der Betrachter.

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Fassade I Bild 1 I Studierquartier Osnabrück I Der Dämmstoff

Über neuntausend bunte Keramikstäbe neigen sich an der Fassade vor und zurück. Kein Detail gleicht daher dem anderen. Foto: Jochen Stüber

Fassade I Bild 2 I Studierquartier Osnabrück I Der Dämmstoff

Nicht nur auf der Fassade grün: Das Plusenenergiehaus ist ein Betongebäude mit einer vorgehängten hinterlüfteten Fassade und einer 26 cm Mineralwolldämmung. Foto: Jochen Stüber

Erdgeschoss I Studierquartier Osnabrück I Der Dämmstoff

Enge Grundrisse brauchen Weite, wie hier durch bodentiefe Fenster mit Blick ins Grüne. Zeichnung: Plan.Concept Architekten GmbH

Fassadenschnitt I Studierquartier Osnabrück I Der Dämmstoff

Der Fassadenaufbau sowie alle Anschlüsse waren sehr komplex und mit bis zu 86 cm Aufbautiefe auch konstruktiv eine Herausforderung. Zeichnung: Plan.Concept Architekten GmbH

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