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Fassade I Bürgerhaus I Stuttgart Neugereut I Der Dämmstoff

In anderem Tageslicht

Das Architekturbüro bez + kock verwandelte einen Betonaltbau mit Mineralwolle (Glas- und Steinwolle) und klugen Materialkombinationen in ein zeitgemäßes und einprägsames Stadtteilzentrum, das seine Nachbarschaft in ein anderes Licht taucht. Mit begrenztem Budget und viel Idee gaben sie Stuttgart Neugereut eine neue Mitte und der Mitte lichtes Leben.

Schon von Weitem sichtbar ragen die Wohnhochhäuser Neugereuts wie Stifte aus einem der Stuttgarter Hügel. Sie sind ein Relikt der autogerechten Satellitenstadt der 1970er Jahre. Heute ist das ein Problem, nicht nur wegen des Stigmas der Hochhausmasse, sondern weil das Siedlungsideal von einst heute sozial, räumlich und infrastrukturell selten funktioniert. Die Freiflächen zu Füßen der Hochhäuser waren unübersichtlich, die einst geplante Quartiersmitte besonders abends verwaist, und die Ladenzeilen standen zu oft leer. Deshalb wird der Stadtteil seit Langem mit Beteiligung der Bürger umgebaut. Im Jahr 2017 verwandelten bez + kock Architekten (BDA), gemeinsam mit Wiederkehr Landschaftsarchitekten (bdla), das ehemalige Kinder- und Jugendhaus zu einem generationsübergreifenden Bürgerhaus. Damit gaben sie dem Stadtteil zeitgemäße, öffentlich und flexibel nutzbare Innen- und Außenräume und eine soziale, lebendige Mitte.

Das Bürgerhaus sitzt auf der Kante einer für die 1970er-Jahre typischen Geländeüberbauung zur Trennung von Parkplatz- und Fußgängerzone. Es begrenzt nun mit einem Café im Obergeschoss den Marktplatz am Ende der kurzen Einkaufszeile. Hier liegen auch ein Altenheim und ein kirchliches Gemeindezentrum. Der Marktplatz ist also eher ein Treffpunkt der Erwachsenen. Deshalb liegen im oberen, barrierefrei zugänglichen Geschoss des neuen Bürgerhauses nicht nur das Café, sondern auch ein großer Veranstaltungssaal für 200 Personen und verschiedene Gruppenräume, in denen die Erwachsenen Kurse, Vorträge, Beteiligungsprozesse und Feste abhalten können.

Das untere Geschoss gehört dagegen den Kindern und Jugendlichen. Hier liegen Werkstatt-, Musik- und Spielräume, die sich nach Osten und Norden zur unteren Ebene öffnen. Dort knüpfen sie über Kinderspiel- und Ballspielflächen an die Schule, Bibliothek und weitere Spielflächen an. Über breite Treppen, Flur- und Foyerbereiche sowie über eine außen gelegene Sitztreppe verbinden sich die Nutzungen der Geschosse und sorgen für Begegnung, Kommunikation und Transparenz zwischen den Generationen.

Kernsanierung der Betonkonstruktion

Vom Altbau blieb wenig sichtbar. Die Architekten entkernten den Bestand bis auf den Betonrohbau und ertüchtigten Teile der Bestandsdecken mit Betonfertigteilträgern. Sie schufen neue Treppenaufgänge, Galerien, Innentrennwände und Oberflächen in weißem Putz, schwarzem Gussasphalt-Terrazzo und mit den Signalfarben Orange für den Jugendbereich und Rot für den Bereich der Erwachsenen.

Ein besonderer Clou aber gelingt ihnen mit der Fassade, denn die hat bei dieser und ähnlichen Bauaufgaben einen ganz besonderen Stellenwert: An den Fassaden öffentlicher Gebäude zeichnet sich im wahren Wortsinn die Zufriedenheit der Bürger ab. Minderwertig oder lieblos gestaltete Fassaden und Flächen werden oft mit Graffiti, Zerstörung oder Verwahrlosung gestraft. Deshalb muss die Fassade nicht nur bautechnisch funktionieren. Sie muss die Nachbarschaft sichtbar aufwerten, Wertschätzung ausdrücken und so dem Stigma und der damit verbundenen sozialen Ausgrenzung entgegenwirken.

Verputzte Fassade mit Mineralwolle und Lichteffekten

Die Betonwände sind mit nichtbrennbaren und sehr robusten Platten aus Mineralwolle gedämmt, verputzt und in einem Erdton gestrichen. Eine energetisch optimierte, brandschutzsichere, nachhaltige und langlebige, aber auch wirtschaftliche Lösung. Aber erst mit sorgfältig durchdachten Details machten die Architekten daraus ein Fassadenkunstwerk: Sie umfassten die Fenster mit vor- und zurückspringenden Metallrahmen und wählten für die östliche Erdgeschossfassade geschosshohe Metallverkleidungen, in die sich die raumhohen Fenster und Türen oberflächenbündig einfügen. Zusätzlich ließen sie kleine, in bronzemetallic getönte Glasfliesen bündig in die Putzfassade einarbeiten. Sie verteilen sich locker über die Fassade und werden nach oben hin dichter.

Der Effekt ist verblüffend: Die Metall- und Glasflächen reflektieren das Licht in den jeweils tageszeitabhängigen Lichtfarben und zaubern ein Leuchten auf die erdig-rauen Putzflächen. Zur blauen Stunde wird es festlich im Stadtteil: Das erhellte Café und das Foyer laden zum abendlichen Zusammensein ein, und die Lichtreflexionen auf der Fassade bringen Leben in die einst abendlich-öde Mitte.

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Höhenvorsprung I Geschosse I Bürgerhaus I Stuttgart Neugereut I Der Dämmstoff

Ein Höhenversprung ermöglicht die Überlagerung der verschiedenen Nutzungen. Nach Außen sind die Geschosse getrennt zugänglich, verbinden sich aber im Innern über Lufträume und breite Flure.

Beleuchtung I Bürgerhaus I Stuttgart Neugereut I Der Dämmstoff

Die Fassade lebt vom Kontrast der Materialien: Auf den erdigen Putzflächen leuchten tagsüber bündig Glasfliesen und Metallflächen. Die neue Mitte bringt auch abends Licht auf den ehemals dunklen Platz und steigert das Sicherheits- und Wohlgefühl der Bewohnerschaft.

Putzfassade mit Mineralwolle I Bürgerhaus I Stuttgart Neugereut I Der Dämmstoff

Hinter dem Fenster leuchten die Glasfliesen in der Mineralwolle-Putz-Fassade.

Farbige Wände I Bürgerhaus I Stuttgart Neugereut I Der Dämmstoff

Die Ebenen sind farblich nach den Nutzungen markiert: Die Wände des Bürgerhauses sind rot, die des Kinder- und Jugendhauses orange gestrichen.

Alle Fotos stammen von Susanne Baur-Fotografie.

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