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Klimagerecht bauen mit Holz und Mineralwolle

„Mit jedem Leuchtturmprojekt gibt es weniger Diskussionen“

Eine Konstruktion aus Holz und eine Dämmung aus Mineralwolle (Glaswolle und Steinwolle) – diese Kombination wird immer stärker nachgefragt. Sie ermöglicht innovative Bauten auch bei hohen statischen und brandschutztechnischen Anforderungen. Aber was lässt sich eigentlich alles aus Holz bauen und wie sinnvoll ist das am Ende? Das Wiener Architekturbüro SWAP ist auf klimagerechtes Bauen spezialisiert. Im Interview spricht der Architekt Christoph Falkner, Gründer und Partner bei SWAP, u. a. über den Nutzen von Leuchtturmprojekten aus Holz, über Ressourceneffizienz und die Rolle von Mineralwolle in seinen Projekten.

Herr Falkner, in Tulln baute Ihr Büro Österreichs erstes Laborgebäude aus Holz, ein technisch komplexes Gebäude mit erhöhten Nutzungsanforderungen. Da liegt Holz eher nicht auf der Hand, oder?

Holz hat viele Vorteile. Im Rahmen des Entwurfswettbewerbs für das Laborgebäude gab die Bauherrin* kein bestimmtes Baumaterial vor. Ihre Hauptforderung war nur, dass das Gebäude schnell fertig sein musste. Und da punkten Holzgebäude, neben vielen weiteren Vorteilen. Sie sind einfach schnell bezugsfertig: Durch die Vorproduktion sind die Bauteile schnell produziert und der eigentliche Bauprozess vor Ort geht ebenfalls zügig und ist zudem sehr sauber.

*[Anm. d. R.: Bauherrin war die BIG, Bundesimmobilien m.b.H., Nutzerin: die Universität für Bodenkultur]

Warum ist Österreich Vorreiter hinsichtlich neuer Holzbauarchitekturen?

Österreich ist ein Holzland, wie übrigens auch Tschechien und das Bundesland Bayern. Hier wächst mehr Holz, als geerntet wird. Holz ist also ein lokal ausreichend verfügbarer Baustoff. Außerdem ist Holz hierzulande ein Uraltbaustoff. Das wurde nur vergessen, weil Holz lange gegenüber Beton und Stahl preislich nicht konkurrenzfähig war. Erst in den 1990ern gab es in Österreich wieder ein paar Holzbaupioniere. Seither wurde Holz erst langsam, dann mit der Entwicklung der industriellen Vorfertigung immer stärker nachgefragt.

Ist Holz per se ein klimaneutraler und ökologischer Baustoff? Und: Ist klimagerechtes Bauen vor allem eine Frage des Materials?

Zumindest bezüglich der Klimabilanz punktet Holz mit einer höheren CO2-Speicherfähigkeit im Vergleich zu Stahlbeton. Aber neben dem Material gibt es weitere Faktoren, die die Klimabilanz beim Bauen bestimmen, wie zum Beispiel der Standort eines Gebäudes. Wie klimagerecht ein Holzgebäude tatsächlich ist, hängt auch davon ab, in welche Infrastruktur es eingebettet wird, wie sozial nachhaltig es ist, welchen Raum und Ressourcen es beansprucht.

Der Raum als Ressource, das war ja auch der Anfang Ihres Büros. Es gründete sich aus dem Wohnexperiment „Der Raum bin ich“. War das ein ökologisches oder ein soziales Projekt?

Das Wohnexperiment war vor allem ein soziales Projekt. Schon damals waren Leerstand und zugleich Wohnungsnot ein urbanes Thema. Die Frage war: Wann und wie nutzen wir den gebauten Raum? Das ist heute durch den technischen Fortschritt und die digitale Vernetzung gar keine Frage mehr. Wir arbeiten und leben räumlich viel flexibler. Aber die Ressourceneffizienz bei Flächen war damals vor allem eine soziale Frage und ist heute auch eine ökologische.

Sie reden vom technischen Fortschritt, die Digitalisierung und deren Folgen für die Raumnutzung. Welche Folgen hat sie denn für den Bauprozess?

Die Digitalisierung hat im Büro natürlich viel verändert. Die Arbeit mit BIM zum Beispiel ermöglicht schnellere Planungsprozesse. Aber wenn der Bau selbst beginnt, dann stecken wir oft noch in der Steinzeit. Genau hier sehe ich große Chancen für einen schnelleren Bauprozess durch die Vorfertigung von Holzelementen. Da stehen wir immer noch am Anfang der Entwicklung. Wenn man dann weiter, zum Beispiel an das Recycling, denkt, ermöglicht der technische Fortschritt beim vorgefertigten Holzbau eine Ressourceneffizienz durch eine ganze Kaskade aus bis zu sechs Lebenszyklen. Sprich, aus einem Holzbauteil kann im nächsten Zyklus ein Holzmöbel, aus einem Möbel ein weiteres Möbel werden, und am Ende aller Lebenszyklen kann Holz immer noch als Brennstoff dienen.

Trotzdem sind gerade die derzeit entstehenden Holzhochhäuser oder das von Ihnen geplante Laborgebäude äußerst komplex in den Anforderungen und meist auch teurer. Warum setzen die Investoren dennoch zunehmend auf Holz?

Da ist zum einen, wie gesagt, die Baugeschwindigkeit. Aber Holzhochhäuser schmeicheln auch dem Image eines Investors. Projekte wie unser Laborgebäude in Tulln oder das Holzhochhaus in Wien sind Leuchtturmprojekte. Das ist auch für uns Planer gut: Mit jedem Leuchtturmprojekt gibt es weniger Diskussionen um nachfolgende Projekte. Die Umsetzung wird immer leichter ‒ nicht technisch, da gibt es eigentlich ohnehin keine Schwierigkeiten ‒, aber in den Köpfen vieler Bauherren gibt es Vorbehalte gegen Holzgebäude. Diese werden mit jedem Projekt weniger. Spätestens in dem Augenblick, wo CO2 angemessen besteuert wird, werden sich Holzhäuser als Standard durchsetzen. Denn dann lohnen sich sogar Hochhäuser aus Holz auch wirtschaftlich. Räumlich tun sie es sowieso: Schon jetzt merken die Nutzer, welche gute Aufenthaltsqualität Innenräume aus Holz haben.

Sie sagen, technisch sei der Holzbau zwar kein Problem. Aber der Brandschutz ist bei Hochhäusern ein großes Thema, das einige Bauprojekte zumindest erschwert. Wären Hochhäuser aus Holz überhaupt möglich ohne eine vor Feuer und Rauch schützende Mineralwolldämmung?

Da bin ich mir nicht sicher. Wir verwenden jedenfalls bei all unseren Projekten Mineralwolle – nicht nur wegen des Brandschutzes, auch aus ökologischen Gründen. Grundsätzlich aber ist Holz auch im Brandfall ein sicherer Werkstoff, wenn man bei der Dimensionierung der Bauteile die mögliche Abbrandtiefe einplant*. Bei unserem Laborgebäude in Tulln konnten wir sogar das Treppenhaus und die Aufzugswände aus Holz bauen. Ansonsten haben wir auch hier Mineralwolle für den Wärme- und Brandschutz eingesetzt*. Kritisch hinsichtlich möglicher Brandüberträge waren die Installationen der Haustechnik wegen der dafür notwendigen Bauteildurchbrüche. Deshalb haben wir die Installationen in Haustechnikkanälen durch die Bauteile geführt und diese ebenfalls mit Mineralwolle gedämmt. In den Räumen selbst haben wir, wo es ging, Leitungen offen verlegt – also vor den Wänden und Decken. Das ermöglicht höhere Räume und einen einfacheren Zugang zu den Leitungen.

* [Anm. d. R.:  Im Brandfall bildet sich auf Holzoberflächen eine verkohlte Schicht, die das darunterliegende Holz vor Feuer schützt. Diese Abbrandtiefe wird dem statisch notwendigen Querschnitt tragender Holzbauteile zugeschlagen.]

* [Anm. d. R.:  In den Außenwänden sind im Gefach der Holzrahmenkonstruktion sowie innenseitig insgesamt 25,5 cm Mineralwolle verbaut. Auf den Geschossdecken liegt eine 4 cm starke Trittschalldämmung aus Mineralwolle. Die abgehängten Decken sind ebenfalls mit 3 cm Mineralwolle schall- und brandschützend gedämmt.]

Welchen Einfluss haben unterschiedliche Dämmstoffe und Fassadenmaterialien auf die Ökobilanz eines Holzgebäudes?

Ökologisch heißt nicht, dass nur sortenreine Holzwerkstoffe und Massivholz eingesetzt werden. Wir versuchen auch im Holzbau, verschiedene Materialien sinnvoll und passend zu den jeweiligen Anforderungen zu kombinieren. In einem urbanen Raum wird eine rustikale Holzfassade weniger passen, als zum Beispiel eine Holz-Glasfassade. Und das Wiener Holzhochhaus hat auch keine Holz-, sondern eine hinterlüftete Eternitfassade mit einer Mineralwolldämmung. Viel wichtiger als das einheitliche Konstruktionsmaterial ist für uns die Möglichkeit eines sortenreinen Rückbaus. Deshalb bemühen wir uns bei allen Projekten um reversible Konstruktionen und Materialfügungen.

Österreichs erstes Laborgebäude aus Holz steht. Was würden Sie noch gerne aus Holz und Mineralwolle bauen?

Wir arbeiten aktuell an einem Klinikgebäude. Die Kerne wären aus Stahlbeton, aber die Zimmer der Bettenhäuser ließen sich hervorragend seriell in Holzbauweise und mit Mineralwolle vorfertigen, schneller und klimafreundlicher als in herkömmlicher Bauweise. Weil die Holzkonstruktion dieses Projekt aber um ca. 10 Prozent verteuern würde ‒ zudem ist die weitere Preisentwicklung derzeit sehr ungewiss ‒  fehlt uns bisher dafür die politische Unterstützung.

Herr Falkner, vielen Dank für das Gespräch!

Christoph Falkner I Architekt bei SWAP I Der Dämmstoff I Foto Mark Glassner

Für Architekt Christoph Falkner, Gründer und Partner bei SWAP, ist klimagerechtes Bauen nicht nur eine Frage des Materials, sondern vor allem eine der sinnvollen Entscheidungen, der Fügungsprinzipien und der Bauprozesse. Foto: Mark Glassner

IFA Tulln I Laborgebäude I Architekturbüro SWAP I Der Dämmstoff I Foto Christian Brandstätter

Das Interuniversitäre Department für Agrarbiotechnologie, IFA, in Tulln ist Österreichs erstes Laborgebäude Holz in Österreich. Es gehört zur BOKU, der Universität für Bodenkultur in Wien und Tulln. Foto: Christian Brandstätter

Ilse Wallentin Haus I Lesesaal Bibliothek I Der Dämmstoff I Foto Hertha Hurnaus

Weil das Holzgebäude in Tulln so erfolgreich war, beauftragte die BOKU SWAP Architekten mit einem weiteren Institutsgebäude aus Holz, diesmal im großstädtischen Umfeld: das Ilse-Wallentin-Haus in Wien. Foto: Hertha Hurnaus

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