Wohnhaus in Köln | Der Dämmstoff | Foto von Robinson Tilly

Das einfache, ruhige Leben

Ruhe, das umfasst in der Architektur mehr als den Schallschutz. Ruhe ist ein atmosphärischer Ort, hat eine besondere Ästhetik und ist Resultat einer Haltung zu den Dingen. Ruhe ist ein Sehnsuchtsort vieler Menschen, und doch gelingt sie so selten. Der Architekt Till Kurz baute mit alten Lehmziegeln, Beton, Bimsstein und Mineralwolle ein Haus, in dem Sinn und Seele zur Ruhe kommen, ohne dass das Miteinander verstummt.

Das Haus steht in der Katzengasse in Köln-Niehl. Die könnte so heißen, weil sie zu eng für viel Verkehr ist und Katzen hier deshalb gemütlicher leben. Oder weil es im Fischerdorf, das Niehl mal war, reichlich Leckereien für Streuner gab. Jedenfalls stand 2019 in ebendieser Katzengasse ein altes Fischerhaus von 1840 zum Verkauf. Das klingt alles – irrtümlich – sehr idyllisch: Heute ist Niehl längst der wichtigste Industriestandort der Stadt, ein bunt wachsender Siedlungsfleck zwischen Containerhafen, Fordwerken und Autobahn. Das alte Fischerhaus selbst war klein, marode und über die Jahre verbaut, das Grundstück dazu mit nur ca. 136 m² ebenfalls. Da war es von Vorteil, dass Till Kurz, der das Haus zusammen mit seiner Partnerin Analena Schwarz kaufte, selbst Architekt ist: Erstens, weil er und seine Familie überhaupt genug Fantasie und Mut hatten, um hier eine Bebauung zu wagen und zweitens, weil ihm dann auch noch ein so außergewöhnliches Haus gelang ‒ ein Ort der Ruhe und Weite im dichten Stadtdorfgemisch.

Mehr Raum auf weniger Grundfläche

Am Abriss des maroden Altbaus führte kein Weg vorbei. Dennoch überlegte Till Kurz: „Gibt es nicht irgendetwas, das man vom Alten erhalten kann, das den Ort mit seiner Geschichte verknüpft und das noch nachhaltig nutzbar ist?“ Es gab etwas: die alten, originalen Feldbrandsteine, deren raue, verwitterte Lehmflächen Geschichte haptisch fühlbar machen. Heute kaum mehr verwendet, waren sie bis zur Moderne auch in Köln ein typisches und günstiges Baumaterial. Um die Ziegel des Fischerhauses zu erhalten und wieder benutzen zu können, erfolgte der Abriss entsprechend mühsam per Hand. Ein Jahr lang ging das Paar nach der Arbeit auf die Baustelle, um das alte Haus Ziegel für Ziegel abzutragen, die Steine abzubürsten und auf einem größeren Nachbargrundstück zwischenzulagern.

Nach einem Jahr war Platz für Neues: Der Neubau beansprucht eine Grundfläche von 79 m². Durch Weglassen und Reduzieren maximiert man den vorhandenen Raum. Dieser Prämisse folgt der Architekt bis ins architektonische Detail. Die Kubatur des Hauses ist einfach; vier Wände, ein Spitzdach. Kurz erklärt: „Wir wollten ein archaisches Haus. Hier kommt das Auge zur Ruhe.“ Das Haus hat drei Etagen, wobei die gesamte Raumfläche nur 92 m² beträgt. Der Architekt setzt trotz der eher kleinen Grundfläche auf eine große Galerie und hohe Räume. Er widerspricht: „Nicht trotz, sondern wegen. Der Raum steht im Vordergrund und bekommt seine eigene Dramaturgie. Denn die Öffnungen schaffen Weite.“

Das 111m² große Wohnhaus füllt fast die ganze Grundstücksbreite. Seine schlichte Kubatur und die Oberfläche aus rauen Lehmziegeln wirken ursprünglich. Die Details wie die filigranen Betonstürze und die vertikalen Panoramascheiben sind dagegen zeitgenössisch minimalistisch. Foto: Till Robin Kurz, Köln

Räume, die wirken

Konkret sieht das so aus: Er rückt das Gebäude von seiner nördlichen Grundstückskante ab und schafft so einen kleinen Eingangshof. Aus dem gelangt man über die kurze Nordseite ohne Zwischenzone, ohne Flur oder Garderobe direkt ins Wohnzimmer. Eingangshof und Wohnzimmer bilden so gewissermaßen eine kommunikative Einheit. Hier lässt sich mit Nachbarn plauschen, ein Fest feiern und der Hof zum Wohnraum machen. Hinter dem Wohnzimmer durchläuft man einen engen funktionalen Bereich mit WC und Treppenaufgang und gelangt dahinter in einen hallenartigen Raum: die Küche.

Es sind die zweigeschossige Höhe und die drei vertikal aufstrebenden Fenster, die einen Überraschungsmoment erzeugen und über die Enge im Grundriss hinwegtäuschen. Hier liegt das Zentrum des Hauses. Über den gewendelten Treppenaufgang gelangt man auf eine Galerie im ersten Obergeschoss und hat von oben einen Blick auf den Esstisch. Nördlich schließt das Elternschlafzimmer an, im Spitzgiebel darüber liegen mit einer Raumhöhe von bis zu 3,4 m zwei weitere Zimmer und ein Bad. Was also im Grundriss an Fläche fehlt, wird über Raumhöhe kompensiert sowie über durchdachtes, eingebautes Mobiliar und über die zum Haus passende Lebenseinstellung, wie der Architekt verrät: „Wir versuchen, mit dem Haus reduziert zu leben.“

Ein Haus wie eine Burg

Die Reduktion ist gestaltprägend, außen wie innen. Das Haus mit seinen gemauerten Bimssteinwänden ist rundum mit den alten Ziegeln verklinkert. Alle Fassaden sind symmetrisch aufgebaut, unnötig auftragende Details wie Regenrinnen und Briefkästen verschwinden im rauen Klinker. Mit Weißbeton akzentuiert der Architekt einzelne Elemente der Fassade wie Stürze, Fensterbänke und sogar den Briefschlitz und das Klingelschild. Warum, das erklärt er: „Die alten Ziegel haben etwas handwerklich Unpräzises, als Kontrast dazu planten wir diese präzisen Kanten.“ Um also das Schöne im Rauen zu betonen, braucht es das Glatte als Kontrast.

Ebenso braucht es für das Gefühl von ruhiger Zuflucht in der städtischen Enge und Kleinteiligkeit den Kontrast von Weite und Stabilität. Das erzeugt der Architekt über durchgängig große Flächen. Die Ziegelwand der Straßenseite ist nur mittig von einem Fenster unterbrochen, dessen Rahmen im Klinker verschwinden. Die Wanddicke von fast einem halben Meter rückt so in den Blick, es entsteht der Eindruck einer schützenden Burg. Der setzt sich im Innern fort mit eingemauerten Treppenaufgängen, die „wie aus der Wand geschält“ wirken, mit Kuppelgewölben in den Bädern, mit beschichteten Estrichböden und mit der langen Eichenholzbank vor der hohen, mit Lehm bestrichenen Küchenwand und den darin eingelassenen Leuchtschlitzen. Der Architekt beschreibt: „Auch im Innern planten wir ruhige Oberflächen, bei dem wir mit Details Akzente setzen.“ Auch hier betont das eine das andere.

Mit Mineralwolle gedämmt

Tatsächlich bringt die massiv gemauerte Bauweise nicht nur eine ästhetische Ruhe. Ganz praktisch schützen die mit 16 cm Mineralwolle kerngedämmten Wände mit Dreifachverglasung vor Feuer und Lärm. Denn das eng bebaute Stadtviertel ist nicht nur von Straßen- und Industriekrach betroffen, Niehl leidet auch unter Fluglärm. Das Dach ist ebenfalls mit einer 16 cm starken Mineralwolldämmung gut geschützt und mit Aluminiumblechen verkleidet. Zudem haben die mit Mineralwolle kerngedämmten Bimssteinwände einen sehr guten Energiedämmwert. Kurz fügt hinzu: „Wir haben uns für Mineralwolle entschieden, weil sie zum einen einen hohen Recyclinganteil hat, zum anderen weil sie uns vom Bauphysiker empfohlen wurde.“

Das Haus wird ausschließlich über Erdwärme beheizt und erzielt einen KfW-Standard 55. Die Gebäudetechnik verschwindet übrigens platzsparend im alten Keller. Es ist der einzige Raum des Altbestandes, nicht viel mehr als ein umgebautes Loch im Boden, das nur über eine Bodenklappe und eine Leiter zugänglich ist.

Schwieriger Bauprozess

Das Haus selbst ist gegründet auf einer Bodenplatte und Konsolfundamenten, dies sind statt tiefgehender Fundamente mit mindestens 80cm Tiefe nur etwa halb so tiefe Streifenfundamente. Das ersparte eine Baugrube in dieser engen Nachbarschaft. Ohnehin war die Baustelle eine echte Herausforderung, wie Kurz sagt: „Wir hatten ja keine Lagerfläche, und einen Kran in der Gasse aufzustellen, war ebenfalls schwierig. Viele Unternehmen haben schon bei der Anfrage abgewunken.“ Auch die Finanzierung war kompliziert, denn schon während der Planungsphase verteuerten sich die Baupreise. Der Architekt erinnert sich: „Es war schwierig, noch ein Rohbauunternehmen zu finden, das bezahlbar ist.“

Zweieinhalb Jahre dauerte es vom Kauf des Grundstückes bis zum fertigen Gebäude. Leicht waren weder die Planung noch die baurechtlich notwendigen Abstimmungen mit der Nachbarschaft, und schon gar nicht der Abriss und die Baulogistik beim Neubau. Des Hauses überdrüssig wurde die Familie aber nie, im Gegenteil, wie Till Kurz bestätigt: „Ich freue mich jeden Tag, wenn ich morgens in unsere Küche komme.“

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