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Eine Familie verortet sich

 

Die Familie Butzlaff-Muschick fand in einer sanierungsbedürftigen Dorfschule eine herausfordernde Gemeinschaftsaufgabe und ein neues Zuhause. Sie sanierte das Ensemble behutsam, mit viel Sachverstand und Eigenleistung. Und nicht nur für das historische Dach wählte die Familie eine Dämmung aus Mineralwolle.

„Es fehlte ein neues Zentrum“, sagt der Innenarchitekt Janosch Muschick. Als der Großvater starb und das Elternhaus veräußert wurde, verschwand die Verortung der Großfamilie. Die sechs Kernfamilien mit inzwischen insgesamt rund 30 Personen verteilten sich auf ganz Deutschland. Also suchte die Familie nach einem neuen, größeren Familiendomizil und fand es in der Mitte Deutschlands, in den hügeligen Feldern des nordhessischen Waldeck-Frankenberg. Im 500-Seelen-Dorf Vasbeck stand eine alte Dorfschule samt Stall zum Verkauf. Muschick erinnert sich: „Wir waren zum ersten Mal im Frühjahr 2013 vor Ort. Die Landschaft war grau und unwirtlich, und trotzdem hat uns die alte Schule begeistert.“ Das Gebäude von 1902 hatte erst in den 1970er Jahren als Schule ausgedient und ging danach in den Privatbesitz über. Der Bau- und Baumbestand aber blieb bis zum Kauf fast unverändert, dank Denkmalschutz, der seit 1986 die Gebäudearchitektur sicherte, aber auch dank der Vorbesitzer. Muschick sagt: „Wir hatten Glück: Der Vorbesitzer hat mit gutem Augenmaß, hohen Qualitätsansprüchen und sehr umsichtig saniert.“

Sanierung der Schule

Die Familie setzte die behutsamen Sanierungsarbeiten am Hauptgebäude fort. So wurde aus dem ehemaligen Klassenraum im Erdgeschoss eine große Wohnküche. In den zwei Geschossen darüber erhielt sie den zweiten Klassenraum und schuf im Dachgeschoss mittels Trennwänden und Spitzboden vier weitere Schlafräume und zwei Bäder. Die Trennwände und Zwischendecke dämmte die Familie mit Mineralwolle für einen guten Schallschutz, damit die Einzelräume die notwendige Privatheit und den Rückzug in der Gemeinschaft garantieren. Die Fenster doppelte sie nach innen auf und schuf Kastenfenster, die von außen die Originalansicht erhalten und gleichzeitig im Innern zeitgemäße Energie-und Wohnstandards schaffen.

Den Umbau übernahm die Familie in Eigenleistung: Eltern, Kinder und Enkel investierten gemeinsam viel Mühe und Zeit, die sich lohnte. Für die Sanierung des Schulhauses erhielten sie den Hessischen Denkmalschutzpreis 2017 und den Denkmalschutzpreis des Landkreises Waldeck-Frankenberg 2018. Das alte Stallgebäude sicherte die Familie zwischenzeitlich statisch mit Gurten und Stützen gegen den weiteren Verfall. Seine Nutzung blieb aber noch lange unklar. Das Gebälk war von Würmern teilweise zerfressen, die Mauerwerkwände partiell marode, die finanziellen Mittel waren nach der Sanierung des Haupthauses ebenfalls knapp. Mit neuer Kraft, Familienzuwachs und weil das Dorferneuerungsprogramm und Denkmalamt Finanzhilfen ermöglichten, startete sie 2019 mit der Sanierung des zweiten Gebäudes.

Im Einklang mit dem Denkmalschutz

„Der Stall ist nicht sehr groß, deshalb wollten wir über Blickbezüge in die Landschaft eine Großzügigkeit schaffen. Aus dem Stall sollte man die unverbaute Sicht nach Süden auf die Felder und Windräder haben“, sagt Muschick. Dafür musste sich die Erdgeschossfassade nach Süden öffnen. „Das war die größte Herausforderung bei dieser Bauaufgabe – hier mussten wir eng mit den Verantwortlichen des Denkmalschutzes zusammenarbeiten.“ Für die Öffnung musste sie hinter die Bestandsfassade Unterzüge einbauen. Dies war nicht der einzige, große Eingriff in die Statik:

Die gesamte Zwischendecke des Stalles, das Gebälk im Bereich des Sprengwerkes und die traufseitigen Fachwerkfassaden des Obergeschosses waren kaum tragfähig. Deshalb entfernte die Familie die Zwischendecke und sämtliche Einbauten – sie entkernte das gesamte Gebäude so, dass man es von außen kaum sieht. Der Denkmalschutz bezieht sich hier vor allem auf die Gebäudeansicht und die Gemeinsamkeiten von Schule und Stallgebäude wie das Natursteinfundament, den Mauerwerksfries und die weißen Putzflächen, das Dach und die Fenster, aber auch auf den Erhalt der Gebäudetypologie eines einfachen Stalles.

Statik im Stall

Alle Ertüchtigungen fanden also innerhalb der Hülle des Bestandes statt. Die Familie betonierte einen Ringanker auf den oberen Abschluss der 30 cm tiefen Mauerwerkswände und schuf so ein Auflager für eine neue Zwischendecke. Diese besteht aus Holzbalken mit aussteifenden OSB-Platten. Darauf kamen innen, entlang des alten Fachwerks, tragfähige Holzrahmenwände, die die Dachbalken ebenso wie die alte Fassade des Obergeschosses stützen können. Mittig trägt ein neuer Unterzug aus Stahl die Holzbalkendecke. Er verläuft entlang der Längsachse des Gebäudes. Darunter steht eine hölzerne Wand, die den Stall in einen gemeinschaftlichen Wohnraum und kleine Nebenräume und Funktionen teilt. So ist zum Beispiel die Küche sowie die Gebäudetechnik und Treppe mit dieser Wand verbunden.

Auch das Gebälk brauchte eine statische Ertüchtigung: Die Familie verstärkte einzelne Balken des Sprengwerkes und montierte an die Mittelpfetten des Gebälkes Stahlträger. „Der Materialwechsel macht die Veränderung am historischen Bestand klar ablesbar“, erklärt Muschick. Das Dach dämmte sie zwischen den Sparren mit Mineralwolle (14 cm), die raumseitig mit OSB-Platten abschließen. Muschick erklärt: „Die OSB-Platten sind eine wirksame Dampfbremse. Zugleich dienen sie als Aussteifung gegen Scherkräfte, die auf das Dach einwirken können.“ Bauphysik und Baustatik gehen hier Hand in Hand. Außenseitig kam eine 6 cm hohe Aufsparrendämmung hinzu. Das Dach deckte die Familie mit den alten Dachziegeln wieder ein und ersetzte lediglich an der Südseite einige alte durch neue Dachziegel.

Ein Gebäude schreibt Familiengeschichte

Das Dach und die Nordfassade wirken heute so, wie sie einst um die Jahrhundertwende ausgesehen haben müssen. Nur wer sich von Süden nähert, erahnt mit Blick auf die weite, hölzerne Terrasse und die großen Flügeltüren eine Modernisierung. Diese wirkt auf den ersten Blick klein, dezent und eher einfach, wurde im Innern aber so groß, dass sie ohne die Hilfe einer ganzen Großfamilie wohl nicht gelungen wäre. Muschik betont: „Die Sanierung war ein soziales Familienprojekt, „Sozialer Wohnungsbau“ – anders interpretiert.  Wir haben alle angepackt und die Erfahreneren haben ihr Wissen an die Jungen weitergegeben“. So schreiben die Butzlaff-Muschicks an einem ihr bis dato unbekannten Ort die Familiengeschichte fort – insbesondere, weil die ehemalige Dorfschule jetzt und auch für die kommenden Generationen eine neue gemeinsame Verortung schafft.

 

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Kurz vor dem Zusammenbruch, aber unter Denkmalschutz: Der alte Lehrerstall von Vasbeck. Foto: Jan.Muschick

Auch das Gebälk und der Zwischenboden waren kaum mehr tragfähig und mussten entweder erneuert oder statisch ertüchtigt werden. Foto: Titus Butzlaff

Alles muss raus: Die ganze Familie packte an und entkernte das historische Gebäude. Foto: Titus Butzlaff

Nach der Sanierung sieht das Schulgelände fast so aus wie 1902, nur der Stall bekam nach Süden raumhohe Fenstertüren und eine große Holzterrasse. Foto: Titus Butzlaff

Stahlträger unterstützen jetzt die alten Mittelpfetten im Dachgeschoss, und zwischen die Sparren kam Mineralwolle. Auch die neuen Zwischenwände sind für einen guten Schallschutz mit Mineralwolle gefüllt. Foto: Paul Butzlaff

Blickachsen ins Grüne schaffen in allen Räumen mehr Großzügigkeit und sind die architektonische Leitidee. Foto: Paul Butzlaff

 

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