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Dachgeschoss: Umbau bei historischem Gebäude

Altes Fräulein vom Amt

In einem über hundert Jahre alten Telegraphenamt zeitgemäß wohnen? Das ist ganz schön schwierig mit den energetischen Auflagen und denen des Denkmal- und Brandschutzes. Doch der Innenarchitekt Hanns Peter Benl schuf genau hier einen weiten Wohnraum mit lichter Atmosphäre und Sinn für historische Details.

Im Herzen der Altstadt Neuöttings, gleich hinter dem Stadttor, liegt eine kleine Gasse mit einem kleinen Platz. Hier steht das alte Telegraphenamt, das im vorletzten Jahrhundert errichtet wurde, um Neuötting mit der Welt zu verbinden. Doch als solches hatte es schon lange ausgedient. 1989 mietete der Innenarchitekt Hanns Peter Benl das Oberschoss des Gebäudes, das damals einzig wirklich nutzbare Geschoss. Denn das fensterlose Erdgeschoss war seither den Fuhrwerken vorbehalten – erst den Kutschen, dann den Autos.

Das Dachgeschoss war unausgebaut und diente nur als Lagerfläche. Als sich neun Jahre später die Gelegenheit bot, kaufte Benl das Gebäude von der Post, weitere neunzehn Jahre später begann er mit dessen Umbau. Zu dem Zeitpunkt verbanden ihn fast dreißig Jahre mit dem alten Amtsgebäude. Er wusste also, worauf er sich einließ, als er plante, das Dachgeschoss zu einer Wohnung umzubauen. Er kannte das Gebäude und die möglichen Schwierigkeiten eines solchen Projektes, wie er sagt: „Ich habe schon wirklich viele Bestandsbauten saniert.“

Schwierigkeiten bei der Planung

Aber dass es so kompliziert wurde, das ahnte er im Vorfeld kaum. Das Gebäude steht unter Ensembleschutz, und der Bauantrag wurde zur Herausforderung. Für die Wohnnutzung brauchte es Licht im dunklen Speicher, einen Rettungsweg und einen Freisitz für mehr Wohnqualität. Aber eine der beiden Längsseiten des Bestandes schließt als Brandwand an das Nachbargebäude an. Und auf den freien Fassadenseiten widersprachen Gauben und Balkone den Vorstellungen des Amtes für Denkmalschutz.

Viermal überarbeitete Benl seine Pläne. Zwei Jahre plante er immer wieder um, bis er einen guten Kompromiss fand. Er erzählt: „Ich habe den Balkon durch eine rückwärtige, von der Straße nicht sichtbare Dachterrasse eingetauscht und durfte an der Vorderseite zwei kleine Schleppgauben bauen.“ Schleppgauben finden sich an vielen historischen Gebäuden der Region und fallen insofern bei angemessener Größe kaum auf.  Auf der rückwärtigen, nicht sichtbaren Dachseite setzte er ein Dachfenster zur besseren Belichtung ein. Die Fassade beließ er weitestgehend in der Originalansicht und nutzte die vorhandene Konstruktion. 2017 wurde der Bauantrag schließlich genehmigt.

Dachtragwerk mit großem Vorteil

Das Gebälk ist auch nach seinen mehr als hundert Jahren Bestandsdauer weitestgehend intakt. Lediglich ein Balken musste ausgetauscht werden, ansonsten waren weder eine Sanierung noch eine Ertüchtigung nötig. Die besondere Konstruktion des Dachtragwerkes als sogenannter „liegender Stuhl“ bringt einen großen Vorteil: Die Stützen stehen geneigt auf den Deckenbalken, nah an der Außenwand, reichen bis zur Mittelpfette und tragen zudem je einen etwas mehr als vier Meter langen Querbalken, der zwischen jedem sechsten Sparrenpaar klemmt.

So entsteht eine sehr belastbare Dachkonstruktion, die im Innern einen weiten, stützenfreien Raum ermöglicht und eine Firstpfette erübrigt. So musste Benl nur noch die ausgedienten, alten Kamine entfernen und erhielt einen Dachraum, den er fast frei einteilen konnte. Die Raumhöhe von über vier Metern sorgt zudem nicht nur für eine besondere Atmosphäre, sondern vergrößert auch die nutzbare Fläche unter dem Dach auf fast neun Meter Breite. Nur eine Bestandswand trennt das Dach in zwei Einheiten mit über 90 m² und über 50 m².

Energetische Sanierung bei Ensembleschutz

Trotz Ensembleschutz galten natürlich die EnEV-Vorgaben für Bestandsgebäude von 2016.

Das Dach dämmte Benl mit einer 12 cm dicken Zwischensparrendämmung aus Mineralwolle. Diese ergänzte er zwischen Fuß- und Mittelpfette mit einer ca. 4 cm dicken Untersparrendämmung. Von der Mittelpfette bis zum First verstärkte er die Sparren und ergänzte eine 8 cm starke Zwischensparrendämmung aus Mineralwolle. Die Schleppgauben wurden aus Holzwerkstoffen samt Dämmung vorgefertigt und konnten einfach auf das Dachtragwerk aufgesetzt werden. Gauben und Dach erreichen einen U-Wert von 0,24 W/(m²K). Die äußeren Bestandswände aus Ziegelmauerwerk ergänzte Benl im Bereich der Drempel auf der Innenseite mit einer 18 cm starken Dämmung aus Mineralwollplatten.

Die Dämmung des Dachgeschosses mit Mineralwolle hatte nicht nur energetische Vorteile: Sie erzielt auch den höchsten Brandschutz für das Holzgebälk in dieser dichten Altstadtlage. Für die Brandwand selbst war wegen der Dicke der zwei aneinandergrenzenden Außenwände keine Dämmmaßnahme notwendig. Die kleinen, horizontalen Fenster der Längsfassade entsprachen natürlich nicht den heutigen Energievorgaben, aber durften als Originale auch nicht von außen erkennbar verändert werden. Daher ließ Benl auf ihrer Innenseite eine Isolierglasscheibe aufmontieren. Die Fenster der Stirnseiten waren größtenteils nicht mehr im Originalzustand und konnten durch neue Holzfenster ersetzt werden. Bei den neuen Fenstern achtete Benl auf eine für die Errichtungszeit typischere Fenstereinteilung, um ein harmonisches Gesamtbild zu schaffen. Die Fassade selbst bekam teilweise einen neuen Anstrich.

Wohnung im Dachgeschoss: Details aus vergangenen Zeiten

Benl plante den großen Dachraum als Wohnung, den kleineren als Büro. Das Herz der Wohnung ist ein etwa 53 m² großer Wohnraum mit offener Küche. An die Brandwand schließt die 10 m² große Dachterrasse und ein separater Technikraum an. An die hintere Stirnseite, abgetrennt durch Holzständerwände, liegt ein Schlafzimmer und ein großes Bad. 90 m² unter dem Dach können möbliert schnell beengt wirken, so setzte Benl auf Glaseinsätze in Türen und Trennwand, auf Stauraum am Drempel, auf die Doppelnutzung von Einbauschränken als Raumtrenner und auf platzsparende Schiebetüren.

Mit seiner Material- und Farbwahl lässt Benl vergangene Zeiten aufleben: Er ließ in der gesamten Wohnung Fischgrätparkett aus Eiche verlegen, sogar im Badezimmer und unter der freistehenden Badewanne. Er gab den Wänden eine abgetönte Farbigkeit, betonte dabei in Weiß die breiten Holzsockel und mit einem weißen Holzfries die Wohnungstür. Er belegte Wände in Nassbereichen mit Ornamentfliesen und ließ aus alten Sparren einen Waschtisch bauen. Die alte Brandwand bleibt unverputzt, und die neuen Tür- und Fenstergriffe aus Messing erinnern im Stil an die Gründerjahre. Das Alte und das Neue ergänzen sich in diesem Dachgeschoss zu einer atmosphärischen Einheit.

Benl sagt: „Jeder, der zum ersten Mal aus dem Erdgeschoss ins Obergeschoss kommt und die Wohnung betritt, ist sehr überrascht von dem vielen Licht und dem weiten Raum.“ Es sind diese versteckten Qualitäten und die vielen, feinen Details mit historischen Bezügen, die die Mühen des Umbaus im Dachgeschoss lohnten.

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Das alte Telegraphenamt steht in einer dichten Altstadtreihe und die Fassade unter Ensembleschutz.

Das Dachtragwerk war weitestgehend intakt und bietet als „liegender Stuhl“ einen stützenfreien, weiten Dachraum.

Genehmigt wurde schließlich der Umbau mit einer rückwärtigen Dachterrasse und zwei kleinen Schleppgauben in der Straßenansicht.

Dachgeschoss_Daemmung mit Mineralwolle

Die Dämmung des Dachgeschosses erfolgte v.a. zwischen und unter den Sparren mit Mineralwolle. Das brachte einen U-Wert von 0,24 W/(m²K) und den höchsten Brandschutz.

Das Dachtragwerk blieb weitestgehend sichtbar. Das vergrößerte die nutzbare Fläche und ist wichtig für die besondere Raumatmosphäre.

Ein gläserner Durchgang bringt mehr Licht und Weite.

Zeitgemäß und trotzdem nostalgisch: Details erinnern an die lange Geschichte des Gebäudes.

Alle Bilder und Zeichnungen stammen von H.P. Benl.

 

 

 

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